Donnerstag, 10. Mai 2007

Band: Gentle Giant

Album: Gentle Giant

Genre: Progressive Rock

Erscheinungsjahr: 1970




1.) Giant
2.)
Funny Ways
3.) Alucard
4.) Isn't It Quiet And Cold?
5.) Nothing At All
6.) Why Not?
7.) The Queen

Lineup:

Derek Victor Shulman: Hauptgesang, Hintergrundgesang, E-Bass
Raymond Shulman: E-Bass, Geige, Gitarre, Percussion, Hintergrundgesang
Phillip Shulman: Saxophon, Trompete, Blockflöte, Hauptgesang, Hintergrundgesang
Gary Green: E-Gitarre, 12-saitige Gitarre
Kerry Minnear: Keyboard, E-Bass, Cello, Hauptgesang, Hintergrundgesang, Tuned Percussion
Martin Smith: Schlagzeug, Percussion

Gastmusiker:

Paul Cosh: Tenor Horn (Giant)
Claire Deniz: Cello (Isn't It Quiet And Cold?)


Weitere Musiker:

Roy Baker: Soundingenieur
George Underwood: Coverartist
Tony Visconti: Produzent


Nachdem sich die Pop-Band Simon Dupree And The Big Sound Ende der 60er Jahre aufgelöst hatte gründeten die drei Brüder Derek, Raymond und Phillip Shulman eine neue Gruppe. Sie hatten genug von den eingängigen Stücken der Simon Dupree-Ära und wollten neue Wege gehen, Neues ausprobieren, völlig egal, ob sie damit wieder einen Top 10-Hit wie Simon Dupree’s Titel Kites landen würden oder nicht. Natürlich waren sie trotzdem ein Stück an den Zeitgeist der späten 60er Jahre gebunden, was man besonders an solchen Stücken wie Why Not? oder The Queen hört, doch dazu später. Fakt ist jedenfalls, dass dieses Album – wie auch bereits zum Beispiel King Crimson’s Platte In The Court Of The Crimson King - etwas völlig Neues war. Zusammen mit dem Keyboarder Kerry Minnear, der gerade erst sein Studium an einer Musikhochschule abgeschlossen hatte und dem Gitarristen Gary Green, den man bei Jam Sessions unter vielen anderen Mitbewerbern auserwählt hatte, formierte sich Gentle Giant und nahm sogleich die erste selbstbetitelte Platte auf.

Darauf vereint bilden viele verschiedene Stile wie Jazz, Bluesrock oder Soul aber auch Kammermusik eine spannende Symbiose, die zwar noch einige Ecken und Kanten besitzt, doch vielleicht ist es auch gerade das, was dieses Album so unter den meisten anderen zeitgenössischen Alben herausstechen lässt. Mehrstimmiger Gesang untermalt die teilweise noch etwas wild wirkenden Stücke (siehe Alucard) und auch Brüche sind gängige Stilmittel.

Lyrisch gesehen stoßen Gentle Giant ebenfalls in neue Dimensionen vor:

Keiner der Texte wirkt banal, der unglaublich traurige Text des Titels Nothing At All wirkt mitnichten kitschig, sondern beschreibt meiner Meinung nach mit vielen Metaphern sehr gut die Gefühle eines jungen Mädchens, das von ihren Liebhabern stets im Stich gelassen wurde und mit Stücken wie Giant oder Alucard (rückwärts gelesen Dracula) stößt die Band in den Bereich der Fantastik und der Fantasy vor.

Der Eröffner des Albums ist der Titel Giant. Das Orgelintro kündigt etwas ganz Großes an, den Auftritt eines Giganten. Ich persönlich glaube zwar nicht, dass Gentle Giant damit auf ihr eigenes Erscheinen in der Welt der Rockmusik anspielten, trotzdem gibt es meiner Meinung nach keinen anderen Titel, der so gut als erstes Stück in der gesamten Gentle Giant-Saga fungieren könnte. Prophetisch wirkende Passagen werden immer wieder mit Brüchen in neue Parts eingeleitet. Der mehrstimmige Gesang kurz vor dem Ende erinnert mich aus irgendeinem Grund immer an die Titelmusik aus einem alten Western. Alles in Allem kommt Giant sehr brachial und orchestral daher, beinhaltet aber nichts desto trotz interessante und schöne, fordernde Parts.

Das folgende Stück Funny Ways ist eine herrlich melancholische Ballade, die mit schwerfälligen Streichern untermalt wird und vielleicht etwas abrupt in einen Blues-Teil mündet, das Gitarrensolo am Ende, das bei Liveauftritten der Band durch ein Vibraphon-Solo vom Keyboarder Kerry Minnear ersetzt wurde und vor allen Dingen der mehrstimmige Gesang sind allerdings meiner Meinung nach einfach genial. Ich persönlich finde übrigens, dass Funny Ways wohl der Gentle Giant-Klassiker schlechthin ist.

Einen sehr starken Kontrast zum vorigen Stück bildet das rockige Alucard, das etliche Saxophon-Nummern beinhaltet, bereits Synthesizer einsetzt, den Zuhörer mit Fanfaren hemmugslos bombardiert und diesen geilen verzögerten Effekt besitzt, den die Gruppe auf den Gesang gelegt hat. Ich finde, dass das teilweise hektisch wirkende Alucard (was hier nicht unbedingt negativ gemeint sein muss) sich wohl am stärksten an den Stil, den die Band auf den folgenden Alben besitzt, anlehnt. Gemein ist diesem Stück auch mit Isn’t It Quiet And Cold? und The Queen die kecke Synthesizer-Melodie, die in diesem Fall am Anfang des Stückes eingespielt wird. Alles in Allem ist das etwas forderndere Alucard wohl das härteste Stück auf diesem Album.

Auf die Hektik von Alucard folgt ein sehr gemütliches, aber nichts desto trotz trauriges Stück namens Isn’t It Quiet And Cold?, das aber dennoch komischerweise ein Gefühl von Leichtigkeit vermittelt und das, obwohl es wieder viele Streicher besitzt, die bekanntermaßen eher ein Gefühl der Schwerfälligkeit entstehen lassen müssten. Lyrisch gesehen wird hier mit viel Liebe zum Detail und einem klagenden Gesang von Phillip Shulman beschrieben, wie jemand nachts durch die Straßen zieht und was er dabei sieht und hört. Isn’t It Quiet And Cold? ist ein perfektes Beispiel für exzellente Popmusik, auch wenn zum Beispiel das Xylophonsolo im letzten Drittel des Stückes bereits Anklänge an den Progressive Rock vermuten lässt. Ebenso wie Alucard und The Queen besitzt Isn’t It Quiet And Cold? diese freche Synthesizer-Melodie, die diesmal ebenfalls wie bei Alucard zu Beginn des Titels auftaucht.

Auf das eher locker daherkommende Isn’t It Quiet And Cold? folgt nun eine schwerfällige Ballade: Nothing At All. Eine sehr schöne Anfangsmelodie geht hier in eine Passage im Blues Rock-Stil über und auf einen klagenden, sehr emotionalen Gesang von Derek und Phillip Shulman, die durch ihre Bandkollegen auch verbal unterstützt werden, folgt ein ausgedehntes Drumsolo, das das Lied sehr in die Länge zieht. Zwar kann man das Drumsolo sicherlich nicht als perfekt bezeichnen, allerdings wertet das wütende Strawinsky-Zitat, das Keboarder Kerry Minnear auf dem Klavier einwirft das Solo wieder auf und macht es doch irgendwie zu einem besonderen Erlebnis. Anschließend taucht wieder die Anfangsmelodie samt Gesang auf und beendet das Stück. Nothing At All ist meiner Ansicht nach sowohl lyrisch als auch musikalisch gesehen das traurigste Stück auf diesem Album.

Nun folgt wieder ein rockiger Song. Der vorletzte Titel der Platte, Why Not? zeigt doch deutliche Bezüge zum Hardrock der frühen 70er Jahre, lebt vom häufigen Einsatz der Hammond-Orgel und ist von meiner Meinung nach vom grandiosen Gitarrenspiel des Gitarristen Gary Green geradezu übersät. Besondere Erwähnung sollten hier auch das mittelalterlich anmutende Flötenspiel, das vom klagenden Gesang vom Keyboarder Kerry Minnear unterstützt wird und der fast schon philosophische, aber dennoch ein eigentlich banales Thema behandelnde Text finden. Natürlich kommt auch hier wieder kräftig mehrstimmiger Gesang zum Einsatz, der partiell schon fast an eine Form des Kreischens grenzt. Why Not? ist definitv zusammen mit dem Titel Alucard eine der rockigsten Nummern auf dieser Platte und zeigt auch deutlich das Potential des Gitarristen Gary Green.

Das letzte Stück The Queen ist wohl ein nicht ganz ernst gemeinter Ableger der englischen Nationalhymne God Save The Queen. Hier werden in spöttelnder Art und Weise Rockelemente zur Hymne hinzugefügt und die Band tobt sich nochmal so richtig aus, bevor das Album mit der frechen Melodie, die bereits in den Titeln Alucard und Isn’t It Quiet And Cold? zu finden ist, endet. Ich habe schon viele Reviews gelesen, in der dieser Song als ein Titel, der dem Album die Ernsthaftigkeit nimmt dargestellt und kritisiert wird. Hierzu möchte ich allerdings anmerken, dass auch Humor zur Musik (und auch zum fälschlicherweise als verbohrt geltenden Progressive Rock) gehört. Sicherlich ist The Queen nicht das beste Stück, das Gentle Giant jemals herausgebracht haben, das Schlechteste ist es aber auch nicht und zumindest bildet es in meinen Augen einen gelungen Abschluss dieses wunderbaren Albums.

Was bleibt also? Es bleibt die Gewissheit, dass bereits das Debütalbum von Gentle Giant vor Einfallsreichtum, Abwechslung und Virtuosität nur so strotzt und dass sich eine Gruppe im Jahre 1970 dafür entschied etwas Neues auszuprobieren. Sicherlich ist auch bereits dieses Album nichts für Leute, die auf total geradlinige Musik stehen, wer aber offen für Neues ist, wird hieran mit Sicherheit seine Freude haben. Desweiteren halte ich Gentle Giant für ein ausgezeichnetes Einsteiger-Album, da es doch zu den späteren Veröffentlichungen bis 1977 verhältnismäßig eingängig ist. Auf jeden Fall ein tolles Album, das meiner Ansicht nach selbst als Debüt-Platte

7 von 10 Punkten verdient.


Review von Niklas T.